(Foto: Uschi Nanzig-Kühn)

Vernissagen

Eine Rede für Herrn JANOSCH

Eigentlich war ja Joan Miró schuld.
Nein, natürlich nicht der Maler selbst, aber eine seiner Ausstellungen ...

Es war im Frühjahr 2009 gewesen, als mich eine Bekannte bat, doch ein paar einleitende Worte für eine Miró-Schau in ihrer Galerie zu sprechen. Schließlich, so meinte sie zuversichtlich, sollte das für mich als studierte Kunsthistorikerin doch keine Schwierigkeit sein.

Nun ja, ich war da nicht so sicher. Erstens hatte ich noch nie eine solche Rede gehalten und zweitens wollte ich dem Galeriepublikum auf gar keinen Fall eine bloße Auflistung von Fakten bieten, die problemlos auch im Internet recherchierbar waren. Nein, wenn ich diesen Auftrag annehmen würde, dann sollte es auch eine besondere Rede werden. Ehrlich gesagt klang die Galeristin, als ich voller Enthusiasmus verkündete, ich wolle die komplette Rede in Reimform halten, nicht mehr ganz so zuversichtlich ob ihrer Entscheidung für mich. Ich konnte sie jedoch mit dem schlagenden Argument überzeugen, dafür kein Geld zu verlangen.

Kurzum - ich hielt meine Ansprache, die Zuhörer waren zufrieden und ich hatte wohl auch beim Fachpublikum gepunktet, denn wenige Wochen später klingelte bei mir daheim das Telefon.

Es meldete sich ein Kunsthändler, der erklärte, mir bei meinem ersten Ausstellungsauftritt gelauscht zu haben und offen zugab, zunächst angesichts der ungewöhnlichen Präsentation eher skeptisch gewesen zu sein. Aber nun wolle er es doch einmal mit mir versuchen und habe folgendes Angebot für mich:

Herr JANOSCH käme wieder einmal nach Deutschland und würde seine Werke in drei Galerien der Umgebung präsentieren. Mich habe man für die einführenden Worte vorgesehen.

Ich fragte unsicher: DER Janosch?, mein Gesprächspartner lachte: Ja, ja, genau der - der mit der Tigerente. Als er dann noch so ganz nebenbei erwähnte, dass der Maler natürlich auch an allen drei Abenden anwesend sein würde, war ich sprachlos (was nicht gar so häufig bei mir vorkommt).

Wir haben wohl noch Adressen ausgetauscht, Termine abgeglichen und über mein Salär gesprochen - bewusst aber bekam ich das damals gar nicht mit. Als ich nach weiterem freundlichem Hin und Her irgendwann den Hörer auflegte, dachte ich nur:  

Wow! Ich darf für JANOSCH sprechen! Meine zweite Rede - gleich für einen Künstler, der 1979 für 'Oh, wie schön ist Panama' mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden war. Einen, der Charaktere wie Tiger, Tigerente, Bär und Kastenfrosch kreiert hatte. Konnte das wirklich sein?

Das musste ich erst einmal verdauen ...

... und ebenso die Bemerkung des netten Kunsthändlers, ich würde selbstverständlich für alle drei Abende bezahlt werden - auch wenn Herr Janosch mich bei der zweiten Ausstellung nicht mehr als Rednerin wünschte.

Der Künstler schien recht wählerisch zu sein.

O je, worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Mein anfänglicher Enthusiasmus wich sehr bald der schieren Panik.

Absagen? Das war keine Option - ich war doch nicht feige.

Dann vielleicht eine solide Kunsthistorikerinnenrede: Biografie, Werk, Verdienste? Dagegen konnte JANOSCH nun wahrlich nichts haben.

Aber genau solche Reden wollte ich doch auf gar keinen Fall halten ...

So langsam kehrte mein Kampfgeist zurück. Nein, ich würde die unterschiedlichen Facetten des Künstlers beleuchten - auch diejenigen, die ihm vielleicht nicht so angenehm sind.

Wenn er das nicht ertrug - dann eben nicht. In dem Fall hätte ich halt die anderen beiden Abende frei - auch gut.

Es folgten einige Wochen akribischer Recherche. Ich las seine Texte - die für Kinder und die für Erwachsene, zudem Interviews sowie zahlreiche Zeitungsberichte und stellte rasch fest, dass dieser gemütlich aussehende Herr durchaus auch ganz schön austeilen konnte. Ich schaute mir Unmengen JANOSCH-Bilder an und bemerkte schmunzelnd, dass er auch in seiner Malerei oft nicht zimperlich war.

Und all diese Erkenntnisse fügte ich schließlich zu einem an manchen Stellen recht forschen Gedicht zusammen.

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich am ersten Vernissageabend vor lauter Nervosität überhaupt zu dieser Galerie gekommen war.

Aber wie ich mich fühlte, als ich eintrat, das weiß ich noch ganz genau: Das Lampenfieber war plötzlich wie weggeblasen - oder vielleicht formuliere ich besser: wie weggemalt. Die Wände hingen voller JANOSCH-Werke und ich tauchte augenblicklich in diese Bilderwelt ein. Und welch köstliche Titel: 'Ach du kleines Tigertier, ich liebe dir' - ich grinste. Oder: 'Wenn du mich nicht heiratest, gehe ich ins Wasser' - wie witzig, vor allem, wenn das ein Frosch zu einer Tigerente sagt. Oder: 'Wir sollten uns dringend ein wenig küssen'.

Ich kam mit dem Schauen gar nicht hinterher - da hatte man eine vortreffliche Auswahl getroffen und zeigte auch seine eher kritischen und erotischen Sujets. Alles, was ich in den letzten Wochen über den Künstler gelesen hatte, sah ich hier in seinen Arbeiten vertreten.

Vor lauter Begeisterung vergaß ich fast, aus welchem Grund ich überhaupt in der Galerie war. Und dann stand er plötzlich vor mir: JANOSCH, der Schöpfer all dieser wunderbaren Figuren und Bilder.

Der damals 78-jährige Künstler sah mich, nachdem ich ihm vorgestellt worden war, mit vor Schalk funkelnden Augen an und fragte ein wenig provokant: Und, Frau Kunsthistorikerin, was werden Sie denn Nettes über mich sagen? Ich weiß bis heute nicht, was mich damals, in diesem einen Moment in der Galerie zu meiner Antwort getrieben hatte, aber ich blickte ihn fest an, lächelte und antwortete keck: Etwas Nettes? Ich glaube, da habe ich so gar nichts  gefunden...!

Ich sehe es noch heute vor mir, wie der Galerist verzweifelt nach Luft schnappte. Er sah wohl schon das  Ende seiner Ausstellung gekommen - dabei war sie nicht einmal eröffnet worden. Ich biss mir auf die Zunge und verfluchte mein loses  Mundwerk. 

Und Janosch?

Der lachte, lachte, lachte.
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
So durfte ich dann meine so sorgfältig vorbereitete Rede halten,

bei der ich von Minute zu Minute fröhlicher wurde, denn ich merkte, dass sowohl das Publikum als auch der große JANOSCH meine kleinen spitzen Bemerkungen richtig verstanden und mir keineswegs übel nahmen. Im Gegenteil. Als ich beispielsweise erwähnte, dass JANOSCH vor allem deshalb Künstler geworden war, um bessere Chancen beim weiblichen Geschlecht zu haben, da rief er: Da hat sie aber auch recht! dazwischen. Und auf meine Beobachtung, dass er manchmal ein wenig mit seiner Bescheidenheit kokettiere, da sah ich ihn schmunzelnd Jawoll! murmeln. Das Publikum amüsierte sich sehr über den größtenteils nonverbalen Dialog, der zwischen JANOSCH und mir ablief.

Nun - Sie  ahnen es jetzt sicher bereits: Ich durfte auch an den anderen beiden Abenden meine Rede für ihn halten und ich tat es sehr gerne.

Danach setzte ich mich immer ganz ruhig in eine Galerie-Ecke und freute mich daran, wie diese Kunst auf die Menschen wirkte. Ich sah sie beim Betrachten der Bilder lächeln, schmunzeln, etwas verlegen werden, grinsen oder laut lachen - Kinder, Geschäftsleute, Großeltern, Handwerker, Büroangestellte, Jugendliche ...

Die JANOSCH-Welt hatte sie alle gepackt!

Und mitten im dem ganzen Getümmel der weißhaarige Mann mit den vielen Lachfalten um die Augen - wunderbar, wenn ein Maler so viele Jahre so generationenübergreifend wirkt. 

2011 - im Jahr seines 80. Geburtstags - habe ich JANOSCH noch einmal live erleben dürfen.

Übrigens: Dass nach jeder Ausstellungseröffnung immer auch noch abends gemeinsam ausgegangen wurde - das versteht sich von selbst.

Dabei konnte ich Herrn JANOSCH dann herrlich privat erleben - aber darüber wird nichts verraten - das ist mein ganz privater Genuss ...

... und dafür bin ich Miró sehr, sehr dankbar - denn der war schuld. ;-)))